Tropfen für Tropfen spürte sie den Tau auf der Haut und erkannte schließlich, dass es sich bei der Flüssigkeit nicht im Geringsten um Tau, sondern viel mehr um Regen handelte. Müde öffnete sie die Augen, blinzelte in die Sonne und staunte nicht schlecht als sie bemerkte, dass sich hier und da ein paar Schneeglöckchen den Weg ins Licht bahnten. Mit Tränen in den Augen realisierte sie, dass das Eis hier und dort dem Frühling nachgab. Der erste Schritt war getan. Nach Monaten der Kälte und des Schweigens ließ die Erde endlich zu, von der Sonne geküsst zu werden.
Es war erstaunlich, wie sehr sie die Liebkosungen der Sonne genoss, die sich ihr so reichlich darboten. Langsam aber sicher erkannte sie, dass die Welt doch weit mehr Farben aufzubieten hatte als nur schwarz, weiß und grau und auch das Piepen der Vögel war deutlich zu hören. Der Duft, der die Luft erfüllte war nicht länger zu übergehen. Der Frühling lag der in der Luft und rief mit aller Macht zum Tanze auf. Er erwartete einen Tanz, in dem all die Last und Trauer von ihrer Seele abfielen. Ein heißer Tanz sollte es werden. Ein Tanz auf dem Vulkan. Zögernd suchte sie den ersten Schritt zu tun, wich dann jedoch erschrocken zurück, wandte sich ab und suchte Heil und Trost in ihrem Zimmer – einem Umfeld, das ihr bekannter war und daher wohl weit weniger angsteinflößend erschien.
Da lag sie nun, weinend und schreiend, sich dem hingebend, das sich ihr im Schutze der Nacht bot und suchte nach Halt, einem Halt, den es für sie nicht geben konnte. Sie suchte nach dem Anker, der sie von allem zurückreißen würde. Doch diesen Anker gab es nicht und es durfte ihn nicht geben. Es war gut und richtig, dass sie sich dazu durchgerungen hatte, sich dem Frühling hinzugeben. Damit konnte sie erreichen, was so lange schon ihr Ziel war.
Mit einem Lied auf den Lippen und einem Lächeln auf der Seele schritt sie hinaus in das Licht, das der Dämmerung Platz zu machen drohte. Sie musste die Sonne aufhalten, ihre Strahlen spüren und somit erkennen, dass sie vor dem Weg, der vor ihr lag, keine Angst zu haben brauchte. Viel wichtiger war es jetzt, den Kampf mit den vermeintlichen Drachen aufzunehmen, um siegreich daraus hervor zu gehen. Irgendwie fühlte sie sich wie die Raupe, die sich zur Verpuppung bereit machte und doch nicht wusste, was aus ihr hervorgehen würde. Würde sie ein schöner Schmetterling werden oder doch eher eine unansehnliche Motte. War sie wirklich das hässliche Entlein oder in gewisser Weise längst schon ein schöner und stolzer Schwan?
Hatte sie den Blick für die Wahrheit verloren und war sie noch Teil der Realität? Diese Fragen schossen ihr durch den Kopf, während sie sich innerlich auf einen langen und beschwerlichen Weg vorbereitete. Sie war bereit, diesen Weg zu gehen, musste es tun, um die zu werden, die sie mal war, auch wenn das den Verlust eines wichtigen Lebensabschnittes bedeuten würde. Natürlich hatte sie Angst davor, mit ihrer hässlichen Hülle auch Stück für Stück das zu verlieren, was ihr im Moment so viel bedeutete und dazu kam die Angst vor dem, was werden würde, wenn sie sich verpuppt hatte. Ihr schien es als wäre dieser Weg ein Drahtseilakt, eine Reise auf der es links und rechts eine Hand gab, die sie hielt. Sie wusste, dass es wichtige Menschen in ihrem Leben gab, die sie begleiten und ihr beistehen würden. Doch schon tat sich die nächste Frage auf. War es das, was sie vom Leben erwartete? Durfte sie diese Hilfe annehmen? Diese Zweifel, die sie zurückhalten wollten, die Angst, die sie in den Abgrund zu stürzen drohte und die alte Lähmung, der alte Stillstand. Sie fürchtete all das, hatte große Angst davor, so hart wie nie aufzuschlagen und war doch unendlich dankbar für das Fangnetz, dass ihre Schwester, ihr Partner und ihr bester Freund mit Worten und Taten gewebt hatten. Waren es auch nur feine Seidenfäden, war ihr das doch so viel mehr wert als alles andere in der Welt.
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